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"Ich wollte mein Leben zurück"

Vierzehn Jahre lang war Chris Dubau abhängig. Heute ist der Polizist Vater von zwei Kindern und läuft Ultramarathons. Vor Louisenlunder Schülerinnen und Schülern erzählte er offen von seinem Absturz und seinem Weg zurück.

Irgendwann reichte es nicht mehr, sich etwas vorzumachen. Christoph Dubau wusste, dass er so nicht weitermachen konnte. Vierzehn Jahre lang bestimmten Glücksspiel, Alkohol und Drogen sein Leben. Gesucht hatte er darin Bestätigung. Gefunden hat er einen Alltag, der ihm Stück für Stück entglitt. Er selbst hatte sein eigenes Leben nicht mehr unter Kontrolle.

Die erschütternde, aber zugleich mutmachende Geschichte seines Lebens erzählte Polizist Christoph Dubau jetzt vor Louisenlunder Schülerinnen und Schülern in der Kunst- und Kulturhalle. 

Eingeladen hatte ihn Sven Meier, Leiter Campus Management in Louisenlund, stellte Chris Dubau den Schülerinnen und Schülern vor. Die beiden kennen sich über Instagram. Meier war auf Chris aufmerksam geworden, als dieser kurz nach der Geburt seines zweiten Kindes beim Last Soul Ultra startete und nach drei Runden aufgeben musste. In seinen Beiträgen deutete Chris seine Suchterkrankung immer wieder vorsichtig an. Meier fragte ihn schließlich, ob er vor jungen Menschen darüber sprechen würde.

Erschütternde, aber zugleich mutmachende Geschichte

In seiner Begrüßung machte Meier klar, dass es an diesem Nachmittag nicht um Abschreckung gehe. Statt Lehrbuch und Statistik stehe ein Mensch vor ihnen. Auch Eva Kreer, Präventionsbeauftragte der Schule, würdigte den Gast. Der Weg durch ein dunkles Tal sei oft langsam und schmerzhaft. Umso bewundernswerter sei es, dass Chris ihn gegangen ist.

Zuhause habe es ihm an nichts gefehlt, zumindest materiell. Chris sei ein fröhliches Kind gewesen, vielleicht etwas sensibel. Mit den Eltern wurde nur nicht über Gefühle gesprochen, emotionale Aufmerksamkeit – Fehlanzeige. Chris suchte nach Bestätigung, wollte gesehen werden. Auch in seinem Fußballverein, wenn seine Mannschaftskollegen vom Trainer gelobt wurden, fragte er immer „Und wie war ich?“

An seiner Schule in Kiel waren Mobbing und Gewalt an der Tagesordnung, auch er gehörte zu den Opfern. „Ich wollte auch auf der anderen Seite stehen und auf andere zeigen.“

Mit 14 Jahren trank Chris Alkohol, er hatte ältere Freunde und damit keine Probleme, daranzukommen. Chris war 16, als er zum ersten Mal mit Freunden kiffte. „Ich gehörte endlich dazu und war cool“, blickt der heute 38-Jährige und Vater von zwei Kindern auf diese Zeit zurück. Der Konsum betäubte ihn, Chris schien durch die Droge eine Lösung gefunden zu haben, „es fühlte sich nicht falsch an.“  Mit 18 Jahre dann Kokain dazu. „Ich fühlte mich selbstbewusst, stark, unbesiegbar“, erzählt er. Drogen bestimmten mittlerweile seinen Alltag. „Ich brauchte Alkohol, um überhaupt schlafen zu können.“ Das Kokain puschte ihn tagsüber.

Drogen bestimmten seinen Alltag

Nach der Schule begann Chris eine Ausbildung. Ein Kollege nahm ihn in der Mittagspause mit in die gegenüberliegende Spielhalle. Chris spielte, steckte 20 Euro in den Automaten und gewann 200. Viel öfter sollte Chris danach nicht mehr gewinnen. „Aus einer Mittagspause wurden Nächte, bis zu 14 Stunden am Stück“, berichtete Chris über diese fatale Abwärtsspirale. Die Sucht bestimmte nun endgültig sein Leben. Er verschuldete sich, belog Freunde, missbrauchte ihr Vertrauen und spielte andere gegeneinander aus, nur damit sein Lügengerüst hielt. Und Chris machte weiter. Er nahm sogar an ersten Therapiesitzungen teil, kam dann aber immer seltener, stattdessen konsumierte er. 

Unser Gehirn hat ein eingebautes Belohnungssystem. Wenn wir etwas tun, das für das Überleben nützlich ist, etwa essen, Sport treiben oder Anerkennung bekommen, schüttet es den Botenstoff Dopamin aus. Das erzeugt ein gutes Gefühl und sorgt dafür, dass wir dieses Verhalten wiederholen wollen. Dopamin ist also weniger ein Glücksstoff als ein Lernsignal: „Das war gut, mach das wieder.“ Drogen und Alkohol greifen direkt in dieses System ein. Sie lösen eine Dopaminausschüttung aus. Die Bestätigung, die er suchte, hat ihm das Belohnungssystem kurzfristig gegeben, aber zu einem immer höheren Preis.

Mit Ende 20, als Chris wieder in seiner Wohnung Drogen konsumiert hatte, wurde er bewusstlos. Seine damalige Freundin rief seine Eltern an.  „Ich wollte mein Leben zurück“, erinnert sich Chris an diesen einschneidenden Moment. Es sei schwer gewesen, zugeben zu müssen, dass er Hilfe brauchte. Das war vor rund acht Jahren. Heute weiß Chris, dass dieser Schritt, sich in eine sechsmonatige Therapie zu begeben und Hilfe von außen zu suchen, ein Zeichen von Stärke war. In dieser Zeit entdeckte Chris die Leidenschaft für das Laufen, „keine Sucht, aber etwas, das ich nicht mehr aufgeben möchte“, sagt er. Der Weg dorthin sei das Besondere gewesen, erst wenige Kilometer mit Gehpausen, dann fünf Kilometer, zehn, dann Halbmarathon und Marathon. Dabei blieb es nicht. Chris ist inzwischen als Ultraläufer unterwegs, er schaffte 135 Kilometer in 20 Stunden. 

Viele Jahre hat Chris diese Zeit der Sucht vor anderen verstecken müssen, heute redet er offen darüber, macht anderen Mut, die in einer ähnlichen Krise stecken, daraus zu kommen. „Heute bin ich clean“, sagt Chris, der Weg dorthin sei wie eine Superkraft gewesen. Er appellierte an die Jugendlichen, mit Vertrauenspersonen zu reden, sich nicht zu verstecken, das bedeutet Stärke. Darüber zu reden sei Stärke. Gefühle mit Drogen zu betäuben sei es nicht.“