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Ein Leben für Kunst, Musik und junge Talente

Wenn man David Praveen im Musikzimmer trifft, versteht man schnell, warum sich Schülerinnen und Schüler in seiner Nähe wohlfühlen. Zwischen Gitarren, Instrumenten und der vertrauten Unruhe eines kreativen Raums sitzt jemand, der nicht viel Aufhebens um sich macht – und gerade deshalb präsent ist.

Er ist keiner, der einen Raum laut für sich beansprucht. Eher einer, der ihn leiser verändert. Mit Geduld, einem feinen Humor und dieser unaufgeregten Art, durch die sich Menschen in seiner Nähe schnell wohlfühlen. Viele Schülerinnen und Schüler sagen, dass sie durch ihn zur Musik gekommen sind. Andere erzählen, dass sie durch ihn erst richtig zeichnen oder malen gelernt haben – selbst dann, wenn sie vorher überzeugt waren, „gar nichts“ zu können.

Vielleicht liegt genau darin eines seiner größten Talente: David Praveen unterrichtet nicht nur Kunst und Musik. Er öffnet Räume für Kreativität.

Sein eigener Weg begann in Bangalore, im Süden Indiens. Aufgewachsen in einer Familie, in der die klassischen Berufswege klar vorgezeichnet schienen – Arzt oder Ingenieur –, führte ihn das Leben zunächst in die Elektronik. Sein Großvater war Arzt, sein Vater Luftfahrtingenieur. David Praveen reparierte Fernseher, Videorekorder und Kassettenrekorder, arbeitete für ein großes Unternehmen und eröffnete später ein eigenes Servicecenter. Eine Zeit lang wurde daraus ein Ort zwischen Bibliothek, Blumenladen und Technikwerkstatt. Es klingt wie ein Umweg, aber bei ihm wirken Umwege selten zufällig. Sie gehören zu einem Weg, der sich erst nach und nach zusammensetzt.

Kunst und Musik waren früh da. Als Kind zeichnete er Disneyfiguren, zu Hause liefen Schallplatten auf dem Plattenspieler seines Vaters. Später entwarf er Logos und Textildrucke für eine Firma. Dort hörte er zum ersten Mal, dass es überhaupt eine Kunsthochschule gab. Er bewarb sich, erhielt ein Stipendium und studierte Graphic Art in Bangalore. Später folgte ein Master in Art Education an der Boston University.

Auch die Musik kam nicht geradlinig in sein Leben. Eigentlich wollte David Praveen Schlagzeug spielen. Er und sein Zwillingsbruder hatten Geld gespart; der Bruder wollte Gitarre lernen, David ein Drumkit kaufen. Im Musikgeschäft, das der Familie eines Mitschülers gehörte, reichte das Geld jedoch nicht für ein Schlagzeug. Also wurde es eine Gitarre. „And so I said, okay, I buy the guitar“, erzählt er. Ausgerechnet das Instrument, das zunächst nicht sein Plan war, wurde zu einem Mittelpunkt seines Lebens.

Einen Lehrer hatte er anfangs nicht. Ein Mann aus dem Kirchenchor versprach, ihn zu unterrichten, bat ihn morgens um fünf Uhr zu sich – und öffnete dann nicht die Tür. Mehrfach. „He won’t wake up“, sagt David Praveen heute und lacht. Schließlich brachte ihm ein anderer Sänger ein paar Akkorde bei. Alles Weitere erarbeitete er sich mit geliehenen Noten, die er von Hand abschrieb, und mit Kassetten: hören, zurückspulen, wieder hören, wieder versuchen. „That’s how we used to learn“, sagt er.

Nach der Schule übte er stundenlang unter einem Mangobaum, die Gitarre mit Stoff ausgestopft, damit sie nicht zu laut war. In der Nähe hing ein Bienenstock. Als jemand ihn zerstören wollte, wurden die Bienen aggressiv. Aus dieser Erinnerung entstand später sein erster Song: „Bee“. Vielleicht erzählt diese Episode mehr über ihn als jeder Lebenslauf: Er hatte keinen einfachen Weg, also hörte er genauer hin. Er hatte keine digitalen Hilfen, also übte er länger.

Sein Einstieg ins Unterrichten begann über Workshops an Schulen in Bangalore. Eine Zeitung suchte Menschen, die aktuelle Themen kreativ mit Schülerinnen und Schülern bearbeiten konnten. So kam David Praveen an die Bangalore International School, eine kleine, sehr internationale Schule. Dort begann auch seine lange Verbindung zum IB. Seit mehr als zwei Jahrzehnten unterrichtet er im internationalen Kontext, hat an Schulen in sechs Ländern gearbeitet und verschiedene Curricula kennengelernt: Bangalore, Südkorea, Ägypten, Rom, Washington D.C., Hamburg – und schließlich Louisenlund. Sein beruflicher Weg liest sich wie eine Landkarte internationaler Bildung.

Für eine IB World School wie Louisenlund bringt er damit nicht nur Erfahrung mit, sondern einen weiten Blick auf Bildung. Er ist seit vielen Jahren IB Examiner für Visual Arts, inzwischen auch Senior Examiner und Team Leader. Doch im Gespräch macht er daraus keine große Sache. Seine Freunde, schreibt er, würden ihn als einen Mann weniger Worte beschreiben: geduldig, zurückhaltend, mit verschiedenen Talenten gesegnet. Auch in Louisenlund erlebt man ihn genau so: nicht laut, nicht auf Effekt bedacht, sondern präsent.

Dieser leise Humor gehört zu ihm. Wenn Schülerinnen und Schüler ihn nach seiner Herkunft fragen, scherzt er manchmal, er komme aus Nordkorea – woraufhin ein Schüler sogar seine komplette „Fluchtgeschichte“ illustrierte. Wird er nach seinem Alter gefragt, antwortet er schon einmal: „hundert Jahre“. Es ist kein Humor, der Aufmerksamkeit sucht. Es ist einer, der Nähe schafft.

Sein Blick auf Kunst ist klar und groß zugleich. „Art is life“, sagt David Praveen. Kunst fördere Kreativität, kritisches Denken, emotionalen Ausdruck und kulturelles Verständnis. Musik wiederum beschreibt er als universelle Sprache, die Menschen zusammenbringt und Vielfalt erfahrbar macht. In seinen eigenen Arbeiten verbinden sich beide Welten: Seine Kohleporträts halten menschliche Ausdrücke fest, seine Musik entsteht oft aus Beobachtungen, Erinnerungen und Stimmungen. „Music is my life“, schreibt er. Man glaubt es sofort.

In Louisenlund wird aus all dem eine Haltung. David Praveen erwartet nicht, dass jemand perfekt beginnt. Er weiß selbst, was es heißt, sich etwas zu erarbeiten. Vielleicht sieht er deshalb in Schülerinnen und Schülern nicht nur das, was gerade sichtbar ist, sondern auch das, was werden könnte. Seine Schülerinnen und Schüler lernen bei ihm Techniken, Komposition, Perspektive, Klang und Ausdruck. Aber vielleicht lernen sie noch etwas Wichtigeres: hinzusehen, hinzuhören, dranzubleiben. Sich nicht zu früh festzulegen auf das, was man angeblich kann oder nicht kann. Einen eigenen Ton zu suchen. Eine eigene Linie. Eine eigene Stimme.

Er selbst sagt, dass ihn seine Schülerinnen und Schüler ebenfalls lehren. Sie hätten ihm Geduld beigebracht und die Bedeutung des Zuhörens. Oft, sagt er, wollten junge Menschen einfach jemanden, der wirklich zuhört. „I never stop learning from my students“, schreibt er. Vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Eigenschaften guter Lehrerinnen und Lehrer: nicht nur Wissen weiterzugeben, sondern offen genug zu bleiben, selbst weiterzulernen.

Wenn David Praveen jungen Künstlerinnen und Künstlern einen Rat gibt, braucht er nicht viele Worte: „Be yourself, do not give up and never stop creating.“ Und wenn sein Leben ein Lied wäre, sagt er, dann klänge es weniger wie ein Solo und mehr wie ein immer weiter wachsendes Orchester.

Vielleicht ist genau das der Grund, warum er in Louisenlund so geschätzt wird: Sein größter Erfolg besteht nicht darin, selbst gehört zu werden, sondern anderen dabei zu helfen, ihren eigenen Klang und ihre eigene Kreativität zu entwickeln.