Er war selbst Schüler in Louisenlund, wurde mit dem Herzog-Peter-Preis ausgezeichnet und zählt heute zu den profiliertesten Kennern der Familie Mann: Der Literaturhistoriker und Bestsellerautor Tilmann Lahme kehrte auf Einladung des Talentförderprogramms plus-Kultur an seine ehemalige Schule zurück. Vor den Schülerinnen und Schülern stellte er seine viel beachtete Biografie „Thomas Mann. Ein Leben“ vor und eröffnete einen ungewöhnlichen Blick auf den Literaturnobelpreisträger.
Zurück in Louisenlund: Tilmann Lahme spricht über Thomas Mann
Thomas Mann: Ein Leben zwischen Sehnsucht und gesellschaftlichen Erwartungen
Wie eng Thomas Manns Leben und sein literarisches Werk miteinander verbunden sind, verdeutlichte Lahme anhand bekannter Figuren. In seinem Roman „Buddenbrooks“, den Lahme selbst als „Wunderwerk“ bezeichnete verarbeitete Mann unter anderem seine wenig erfolgreiche Schulzeit. Wie die Figur Hanno Buddenbrook fühlte sich auch der spätere Nobelpreisträger im Unterricht häufig fehl am Platz. Seine Gefühle für andere Jungen fanden ebenfalls Eingang in seine Literatur. So schwärmt der junge Protagonist der Novelle „Tonio Kröger“ für seinen Mitschüler Hans Hansen – eine Erfahrung, die Mann aus seiner eigenen Jugend kannte.
Besonders aufschlussreich sind Lahmes Recherchen zu Thomas Manns Tagebüchern, die erst mehr als 20 Jahre nach dessen Tod veröffentlicht wurden. Dabei waren persönliche Passagen gestrichen worden, darunter Aufzeichnungen über seine Sexualität und innere Konflikte. Auch Briefe, in denen Mann offen über seine Gefühle schrieb, blieben lange unveröffentlicht. Lahmes Biografie zeigt, wie sehr die gesellschaftlichen Vorstellungen seiner Zeit nicht nur Manns Leben, sondern auch die spätere Wahrnehmung seiner Person prägten.

Für die Louisenlunder Schülerinnen und Schüler eröffnete sich damit ein neuer Zugang zu einem der bedeutendsten deutschen Schriftsteller. Seine Romane und Erzählungen lassen sich auch als Auseinandersetzung mit der eigenen Identität lesen, in denen persönliche Erfahrungen und Sehnsüchte literarisch verarbeitet werden.
Von der Schülerzeitung zum Bestsellerautor
Der Besuch fand auf Einladung von plus-Kultur statt. Mit dem Talentförderprogramm möchte Louisenlund gezielt renommierte Persönlichkeiten aus Literatur, Wissenschaft und gesellschaftlichem Leben an die Schule holen. Die Jugendlichen sollen Menschen begegnen, die forschen, veröffentlichen und öffentliche Debatten mitgestalten. Der Austausch mit Tilmann Lahme zeigte, wie spannend Literaturgeschichte sein kann, wenn sie über die Texte hinaus auch den Menschen und seine Zeit in den Blick nimmt.

Im Anschluss an den Vortrag in der Kunst- und Kulturhalle hatten einige Schülerinnen und Schüler Gelegenheit, im kleineren Kreis im Gobelinsaal mit Lahme ins Gespräch zu kommen. Dabei ging es auch um seine eigene Schulzeit. Die Jugendlichen berichteten, wie sich Louisenlund seit seinem Abschluss verändert hat. Lahme erinnerte sich insbesondere an seine Mitarbeit in der Schülerzeitung, die ihm wichtige Impulse für seinen späteren Beruf als Journalist und Autor gegeben habe. Auch die internationale Gemeinschaft in Louisenlund habe seinen Horizont erweitert.
Ein weiteres Gesprächsthema war die Rolle künstlicher Intelligenz in der Literatur. Lahme äußerte sich skeptisch gegenüber der Vorstellung, Bücher mithilfe von KI schreiben zu lassen. Seiner Erfahrung nach fehle der KI die schöpferische Eigenständigkeit, die literarisches Schreiben ausmache. Als echte Alternative zur kreativen Arbeit eines Autors sehe er sie deshalb nicht.
Der Besuch von Tilmann Lahme zeigte, wie lebendig Literatur sein kann, wenn persönliche Lebensgeschichten und gesellschaftliche Fragen zusammenkommen. Zugleich wurde deutlich, welche Impulse die Schulzeit in Louisenlund für den weiteren Lebensweg geben kann. Für die Schülerinnen und Schüler war es eine besondere Gelegenheit, mit einem erfolgreichen Autor ins Gespräch zu kommen, der einst selbst hier zur Schule ging.